Frankfurter Allgemeine Zeitung 24.11.1999 , Nr. 274/Seite N 1
Das wissenschaftliche Ethos wird nicht nur durch plumpe Fälschungen verletzt, sondern - weit häufiger - auch durch eine Vielzahl schwer durchschaubarer Manipulationen experimenteller Daten. Besonders betroffen ist offensichtlich die Arzneimittelprüfung. Durch geschicktes Vorgehen gelingt es den Herstellern, die neuen Präparate vorteilhafter erscheinen zu lassen, als dies den eigentlich gewonnenen Erkenntnissen entspricht. Zwei gerade in "Journal of the American Medical Association" (Bd. 282, Seite 1752 u.1766) erschienene Beiträge zeigen an einigen eindrucksvollen Beispielen, wie solche umsatzsteigernden Übertreibungen zustande kommen. Geschädigt werden vor allem Kranke, denn die Ärzte orientieren sich bei der Verordnung von Arzneimitteln an den Ergebnissen dieser im Fachjargon als "Studien" bezeichneten Prüfungen.
Wie sich herausgestellt hat, werden Ärzte und Patienten am häufigsten durch die Verschleierung der wahren Prüfergebnisse getäuscht. Für ein Präparat günstige Ergebnisse werden in der wissenschaftlichen Literatur mehrmals veröffentlicht. Weniger vorteilhafte Resultate bleiben hingegen geheim. Außerdem werden Studien mitunter so angelegt, daß eigentlich gar kein fairer Vergleich möglich ist. Betroffen sind Mittel gegen Rheuma, Depressionen, Schizophrenie, Erbrechen und Abwehrschwäche...In den insgesamt 44 Veröffentlichungen wurde nur 12mal darauf hingewiesen, daß die Daten bereits andernorts verwertet wurden. Teilweise ist es ausgesprochen schwierig, solche Zusammenhänge aufzudecken, da unterschiedliche Autoren agieren. ...Hinter all diesen Manipulationen stehen...vor allem kommerzielle Interessen. Geschädigt werden dadurch die Patienten, die nicht angemessen behandelt werden oder mehr für die neuen, meist teureren Medikamente ausgeben müssen.
Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 08.12.1999 , Nr. 286/Seite N 3
Das zur Behandlung von Depressionen verwendete Johanniskraut beeinflußt den Abbau anderer Wirkstoffe im Organismus. Dadurch kann die Wirkung von Arzneimitteln erheblich beeinflußt werden.
Eine Arbeitsgruppe um Ivar Roots vom Institut für Klinische Pharmakologie der Charité in Berlin hat ermittelt, daß das Johanniskraut beispielsweise die im Blut zirkulierende Menge des Herzmittels Digoxin erniedrigt. Die Kranken müssen also größere Mengen des Herzmittels einnehmen, wenn sie die angestrebte Wirkung erzielen wollen. Auch die zur Bekämpfung von Depressionen verwendeten Wirkstoffe Amitryptilin und Nortryptilin müssen, wenn gleichzeitig Johanniskraut verwendet wird, in größeren Mengen eingenommen werden. In geringerem Maße wird auch der Stoffwechsel des zur Blutverdünnung verwendeten Phenprocoumon beeinflußt. Liegen Leberschäden vor, kann das Johanniskraut den Abbau von Arzneimitteln hemmen oder beschleunigen.
Es wird deshalb diskutiert, Johanniskraut-Präparate, die frei erhältlich sind, der Rezeptpflicht zu unterwerfen, zumal manche Hersteller weit höhere Dosierungen empfehlen als allgemein üblich.