fit for fun 12/97, S. 162 ff.

Seit der Winter naht, bin ich ständig niedergeschlagen, möchte nur noch schlafen und fühle mich auch nach fünfzehn Stunden Schlaf noch wie gerädert. Ich kann mich zu nichts mehr aufraffen. Dafür habe ich dauernd Appetit auf Süßes und esse Berge von Nudeln. Gestern war ich zu einer Party eingeladen, aber ich wollte mich lieber zu Hause vergraben. Und Birgit wirft mir vor, ich wäre gefühlskalt. Ich bin frustriert und kann mir selbst nicht mehr helfen - was ist nur los mit mir? So eine Tagebuchaufzeichnung von Klaus K.
Inzwischen kennt er den Grund für seine Probleme. Er leidet an der sogenannten saisonal abhängigen Depression (SAD), die während der Monate Januar und Februar besonders schlimm ist. Wenn die Tageslichtdauer am geringsten ist. ...
Während Winterdepressive zunehmen, magern "klassisch" Depressive eher ab. Bei der Winterdepression spielt die Jahreszeit eine zentrale Rolle. Sie tritt nur bei jahreszeitlich bedingtem Lichtmangel auf. Sonnenlicht regt die Produktion des Serotonins an, das Stimmung, Hunger und Schlaf reguliert. In lichtarmen Zeiten wird zu wenig Serotonin ausgeschüttet, was eine Depression fördert. Kein Wunder, daß Klaus K. in den Wintermonaten eine Schokoladengier entwickelt, denn Zucker und Kakaobutter erleichtern die Bildung von Serotonin. Sie werden damit zu therapeutischen Seelentröstern.
Aber Serotonin allein ist nicht schuld am Blues. Auch das Hormon Melatonin mischt mit. Es wird nur im Dunkeln freigesetzt, denn Licht drosselt die Produktion des Hormons. Während der lichtarmen Wintermonate erreicht Melatonin seine jahreszeitliche Höchstmenge, die manche Menschen in eine Art Winterschlaf versetzt.
Auch bei den Ursachen der klassischen Depressionen spielt das Serotonin eine bedeutende Rolle - diesmal zusammen mit dem Nervenbotenstoff Noradrenalin.
Eine Depression kommt übrigens nicht aus heiterem Himmel, sondern sendet Signale voraus. Tage und Wochen vor der Verstimmung verändert sich die körpereigene tagesrhythmische Temperaturkurve. Die Wachstumshormonausschüttung ist reduziert, die Traumphasen während des Schlafens werden länger, die erholsamen Tiefschlafphasen dagegen kürzer. Während einer klassischen Depression sinkt die Gesamtschlafzeit. Trauer führt außerdem zu erhöhten Muskelspannungen verschiedener Gesichtsmuskeln, und die Durchblutung beziehungsweise Aktivität in den Gehirnhälften verändert sich.
Doch die Zusammenhänge sind noch viel komplexer. Auch die Gene spielen eine Rolle, und selbst das Immunsystem scheint beteiligt zu sein. Als der Psychiater Alfred Lewy Mitte der achtziger Jahre entdeckte, daß helles Licht die Freisetzung von Melatonin hemmt und sich SAD-Beschwerden erfolgreich damit behandeln lassen, war eine neue Therapieform gefunden: die Lichttherapie (siehe Kasten unten). Auch Klaus K. hat sie geholfen.


