FOCUS Nr. 48, 29.11.1999 Seite 210-222
...Eine Volkskrankheit: Mindestens 4, vielleicht sogar 8 Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer der vielen Formen der Gemütskrankeit. Anders als die üblichen Zivilisationskrankheiten trifft sie Jung und Alt.
Wuchernde Traurigkeit...Kaum eine Krankheit attackiert Menschen mit ähnlicher Gewalt. Wie bei Krebs die Zellen entarten, so wuchert bei der Depression eine bösartige Traurigkeit durch Seele und Körper: Sie verdoppelt das Risiko, an Herzinfarkt zu sterben, und fährt den Betroffenen bis in die Knochen, so daß sie häufiger an Osteoporose erkranken. Fünfzehn Prozent der Schwerdepressiven flüchten sich mit einem Selbstmord aus der Seelenfinsternis. "Trotzdem halten viele die Depression für irgend etwas zwischen Schnupfen und Einbildung", schimpft Ulrich Hegerl von der Psychiatrischen Klinik der Universität München. "Keine andere Krankheit wird derart dramatisch unterschätzt."
Vermeidbares Leid. Heute können die Ärzte um die 80 % der Erkrankten gut behandeln...Es ist ein Skandal im deutschen Gesundheitswesen: Nur jede zweite Depression wird erkannt, nur jede fünfte angemessen therapiert. Millionen leider unnötigerweise.
Verborgene Symptome. Viele Kranke sind sich des seelischen Ursprungs ihrer Beschwerden nicht bewußt oder verleugnen ihn. "Der psychisch Kranke wird in unserer Gesellschaft eben immer noch stigmatisiert," beobachtet Wolfgang Gaebel, Direktor der Psychiatrischen Klinik der Uni Düsseldorf. "Ein besonderes Problem sind die larvierten Depressionen. Die Betroffenen klagen über körperliche Beschwerden, diffuse Druckgefühle, häufig über Schlafstörungen - und bekommen dann ein Schlafmittel verschrieben, statt eines Antidepressivums."
Viele Gesichter hat die Depression. Neben der Major Depression (typische, früher als endogen bezeichnete schwere Depression, die in der Regel phasenweise verläuft), reaktive Depression (überzogen starke und lange Trauer bei einem belastenden Ereignis, wie Trennung oder Todesfall), Winterdepression oder SAD (typisch depressive Symptome sowie extremes Schlafbedürfnis und Hunger nach Kohlenhydraten (z.B. Kuchen oder Schokolade) in der dunklen Jahreszeit) kennt man heute die Depression mit "Sissi-Merkmalen" (hier versuchen die Kranken mit gesteigerter sportlicher oder beruflicher Aktivität gegen ihre Depression anzugehen).
Neue Glückspille? Derzeit wird in einer ersten Studie mit knapp 30 depressiven Patienten geprüft, ob die zielgerichtete Blockade menschlicher CRH-Rezeptoren einen antidepressiven Effekt hat. Weitere klinische Tests müssen die Wirksamkeit des Medikamentes bestätigen und zeigen, ob keine unerwünschten Nebenwirkungen auftreten.
Es wäre nicht der erste Fehlschlag in der Depressionsforschung: So wurde im Winter 1998 von der Pharmafirma Merck die Entwicklung des heiß erwarteten Wirkstoffs MK-869 vorerst eingestellt. Dabei war er im Tierversuch erfolgreich gewesen: Von ihrer Mutter getrennte Meerschweinchenjunge pfiffen nach Einnahme des Präparates weniger laut ¾ normalerweise ein Indikator für eine antidepressive Wirkung beim Menschen.
...Bislang kann es Wochen dauern, bis ein Medikament anschlägt. Da außerdem kaum vorhersagbar ist, welcher Patient auf welches Medikament anspricht, muß der Arzt im schlimmsten Fall Monate herumprobieren.
Therapie gegen die Traurigkeit
Vor allem bei schweren Fällen sind Medikamente die erste Wahl. Bei leichteren Depressionen haben sich Johanniskraut-Präparate bewährt.
Psychotherapie
Gute Erfolge zeigt vor allem die kognitive Verhaltenstherapie.
Schlafentzugsbehandlung
Partieller oder totaler Schlafentzug in einer Nacht hellt die Stimmung auf. Der Effekt hält meist nur einen Tag an.
Elektrokrampftherapie und TMS
Bei schweren Depressionen wenden Psychiater die Elektrokrampftherapie (EKT) an. Noch in der Forschung ist die transkranielle Magnetstimulation (TMS), die über ein Magnetfeld wirkt.
Soziotherapien
Beschäftigungs-, Kunst-, Arbeits-, Bewegungs-, Tanz- und Musiktherapien geben die Möglichkeit, sich auszudrücken und aktiv zu werden. Sportliche Aktivitäten haben eine antidepressive Wirkung.
Entspannungsverfahren
Verfahren wie autogenes Training oder progressive Muskelrelaxation haben eine unterstützende Wirkung.
Lichttherapie
Eine tägliche Bestrahlung mit hellem Licht hilft gegen die Winterdepression, womöglich hat sie auch eine unterstützende Funktion bei leichten Depressionen.
Weitere Informationen, Beratung, Adressen und Suizid-Prävention
Ein Forum für Menschen in der Krise bietet das Kuckucksnest unter: kuckuck.solution.de
Beratung online: Die Telefonseelsorge bietet kostenlose und anonyme Beratung via e-mail, online und in Zukunft auch im Gruppen-Chat an unter: http://www.telefonseelsorge.de Die Telefonseelsorge berät in aktuellen Krisensituationen auch telefonisch unter Tel. 0800/1110111 (ev.) , 0800/1110222 (kath.).
Der Psychotherapie-Informations-Dienst (PID), Heilsbachstraße 22, 53123 Bonn, Tel. 0228/746699 vermittelt kostenlos Therapeuten.
Bei der Deutschen Gesellschaft für Suizid-Prävention - Hilfe in Lebenskrisen e.V., Bezirkskrankenhaus Bayreuth, Nordring 2, 93445 Bayreuth, Tel. 0921/283301 gibt es unter anderem Adressen psychosozialer Beratungsstätten in ganz Deutschland. Agus (Angehörige um Suizid), Wiechernstraße 1, 95447 Bayreuth, Tel. 0921/66110 hat Regionalgruppen auch in anderen Bundesländern und bietet Selbsthilfe für Hinterbliebene.