Das Tempo und die Krise

Große Distanzen mit dem Flugzeug in extrem kurzer Zeit zu überbrücken ist kein Problem. Den körpereigenen Rhythmus der neuen Zeit anzupassen ist schon bedeutend schwieriger. Es gibt viele Empfehlungen, doch wir fanden nur ein Mittel, das garantiert gegen

GEO SAISON, November 1999 Seite 115-118

Wo bin ich? Es ist stockdunkel.Die Hand tastet nach dem Lichtschalter. Erst langsam kommt das Bewußtsein wieder. Der Flug, ach ja, natürlich, ich liege in einem Hotelbett in Boston, in das ich gestern abend todmüde gesunken bin. Aufstehenszeit, Frühstückszeit. Doch der Wecker auf dem Nachttisch zeigt erst 0 Uhr 30. Diese nächtliche Verwirrung ist ein typischer Fall von Jetlag (wörtlich übersetzt: Düsenflugzeug-Verzögerung)... Hartnäckig hält der Körper an seinem gewohnten Rhythmus fest. Die Folgen sind Desorientierung, Unwohlsein und ein unbezwingbares Schlafbedürfnis...

Befragungen der International Air Transport Association (IATA) ergaben, daß 13 Prozent der Langstrecken-Passagiere an Übelkeit, Sehstörungen, Herzklopfen oder sogar an Depressionen und Wahnvorstellungen leiden. Der Flugkater befällt jeden, der von Ost nach West reist, also die Sonne auf ihrer Wanderung einholt oder vor ihr flieht, und dabei den gewohnten Tagesrhythmus um mehr als zwei Stunden ändert. "Alles Leben unterliegt einem Zyklus von Ruhe und Aktivität", sagt der Zeitbiologe Scott Campbell von der Cornell University im Bundesstaat New York. Der Organismus ist ein lebende Uhr, deren "Zeiger" mal auf Dynamik und dann wieder auf Entspannung stehen. Nerven sind voll auf Draht und erholen sich danach wieder, das Herz zieht sich rhythmisch zusammen, Hormone werden zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich stark ausgeschüttet. Innerhalb von 24 Stunden durchläuft der Körper eine Leistungskurve, die mit steilem Temperaturanstieg und der Produktion von Hormonen wie Adrenalin am frühen Morgen beginnt und nach einem kurzen Nachmittagshoch am Abend erneut abfällt. Dann sinkt die Körperwärme rapide, oft überwältigt uns ein unaufhaltsames Gähnen. Nachts gegen drei Uhr ist die labilste Phase mit der niedrigsten Körpertemperatur erreicht: Jetzt werden die meisten Sterbefälle registriert.

Dieser Zyklus läßt sich kaum austricksen. Während der ansteigenden Temperaturkurve können wir nicht richtig schlafen, wir sind auf Aktivität gestellt. Läuft der Körper auf Sparflamme, ist man definitiv erschöpft - egal, wieviel Kaffee man in sich hineinschüttet. Die Körperuhr ist eng an den normalen Tages- und Nachtrhythmus gekoppelt. Der Stand der Sonne eicht das Uhrwerk im Kopf, aber es gehört zu einem autonomen Zeitprogramm, das sich nur allmählich umstellen läßt...

Allerdings synchronisieren uns bestimmte Zeitindikatoren mit der neuen Umgebung. Licht spielt dabei die größte Rolle: Die morgendlichen Sonnenstrahlen stoppen auf eine noch nicht genau bekannte Weise im Gehirn die Produktion des Schlafhormons Melatonin. Ähnlich wirken auch soziale Rhythmen - der auflebende Verkehr am Morgen, die leeren Straßen am Abend...

Eine "Lichtdusche" zur rechten Zeit kann das Einklinken in die andere Zeitzone auch beschleunigen. Als Faustregel gilt: Licht vor dem körpereigenen Temperaturminimum stellt die Zeiger der Uhr zurück und schiebt so den nächsten Schlaf auf. Helligkeit nach dem Temperaturtiefpunkt dagegen dreht die Zeiger der inneren Uhr vor und verkürzt den Tag. 2/3

Also: Vor einem Westflug, wenn möglich, ein Schläfchen halten und nach der Ankunft abends lange draußen im Licht bleiben. Bei einer Reise Richtung Osten die Vorhänge von den Kabinenfenstern schließen und nach der Ankunft eine Sonnenbrille aufsetzen, bis die biologische Uhr wieder auf Morgen gestimmt ist. Wichtig ist auch, sich am Ziel gleich an die neue Ortszeit zu halten und nicht zwischendurch der Versuchung eines Nickerchens nachzugeben.

So wie gegen Seekrankheit kursieren auch gegen Jetlag ein Reihe fragwürdiger Geheimtips. Doch was nicht direkt auf die Zahnräder der Körperuhr wirkt, nützt kaum. Geschäftsreisende oder Sportler sollten daher wichtige Veranstaltungen am Zielort konsequent auf die Zeiten ihrer subjektiven Hochs legen. Bei einem Zwei-Tage-Aufenthalt in Manhattan dagegen lohnt es gar nicht erst, die biologischen Zeiger zu drehen.

     

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