Öko-Test-Magazin 1/92, S. 59
Wenn die eisigen Winterstürme übers Land fegen und naßkalter Regen an die Fensterscheibe klatscht, werden manche Menschen depressiv. Eine Therapie mit Licht kann helfen.
Es gibt Tage, da hüllt sich die Seele in einen grauen Schleier. Scheinbar grundlos ist man verstimmt oder traurig. Für das tägliche Allerlei fehlt es an Mut und Schwung. Das Essen will nicht schmecken, und auf lächerliche Kleinigkeiten reagiert man gereizt.
Schuld an solchen Mißstimmungen kann die aktuelle Wetterlage sein. Wenn das Barometer sinkt und ein Blick aus dem Fenster die Welt trüb und hoffnungslos erscheinen läßt, fällt oft auch die Befindlichkeit auf den Nullpunkt.
Für gesunde Menschen ist das kein Grund zur Sorge, denn irgendwann folgt dem Stimmungstief auch wieder ein Hoch. Doch es gibt Leute, die haben monatelang unter seelischen Tiefs zu leiden. Saisonal abhängige Depression (SAD) nennen die Mediziner diese Krankheit. Sie kann als Sommer- oder Winterdepression auftreten. Typische Symptome: Verstimmung, Antriebslosigkeit und Traurigkeit, die über Monate anhalten. Im Unterschied zu anderen Formen der Depression haben SAD-Patienten einen guten Appetit, besonders auf Süßigkeiten. Das dokumentiert sich schnell als Kummerspeck. Außerdem schlafen diese Menschen lange, allerdings nicht erholsam.
Das Standardverfahren der Lichttherapie entwickelten Anfang der achtziger Jahre zwei Psychobiologen, Dr. Norman Rosenthal und Dr. Thomas Wehr. Die Wissenschaftler arbeiten am amerikanischen Nationalinstitut für geistige Gesundheit in Bethesda und erhielten für ihre Erkenntnisse vor kurzem den Anna-Monika-Forschungspreis. Rosenthal und Wehr haben herausgefunden, daß Licht in einer bestimmten Stärke Depressionen heilen kann.
Die sanfte Behandlung mit Licht muß mindestens zwei Stunden täglich angewandt werden. Schon nach einer Woche fühlen sich die Patienten wohler. Lichtquelle sind sogenannte True-lite-Tageslicht-Röhren, die das Spektrum des Tageslichtes aussenden. Die Beleuchtungsstärke beträgt etwa 2.500 Lux. Diese Lichtmenge nimmt das Auge auch auf, wenn man an einem Frühlingstag aus dem Fenster schaut. Die Luxzahl der Raumbeleuchtung ist dagegen fünfmal geringer. Außerdem wird in den True-lite-Röhren der für den Bräunungseffekt verantwortliche UV-Anteil des Lichtes ausgeblendet.
"Eigentlich ist die Therapie ganz einfach", erklärt Professor Helmchen. "Die Patienten sitzen vor diesen Röhren und können lesen oder sich anders beschäftigen." Wichtig ist nur, daß die Augen geöffnet sind. Experimente haben bewiesen, daß die antidepressive Wirkung des Lichtes nur über die Augen und nicht über die Haut erzielt wird. In Versuchen wurden Patienten am ganzen Körper vermummt und nur die Augen unbedeckt gelassen. Die Behandlung mit Licht hatte Erfolg.