Report Psychologie Nr. 2, Februar 2000

Diagnose und Behandlung dringend verbessern
Das Max-Planck-Institut für Psychiatrie (MPI-P), München, hat im vergangenen Herbst Ergebnisse vorgelegt, die die häufig geäußerte Befürchtung erhärten, Ärzte seien nur unzureichend befähigt, eine Depression zu diagnostizieren. Ebenso bestätigt die "Bremer-Jugendstudie" (BJ), die Psychologen der Bremer Universität vorlegten, dass die Volkskrankheit Depression erheblich häufiger vorkommt als bisher angenommen.
Das Volksleiden Depression, so wurde bisher vermutet, kommt bei etwa 4% aller Erwachsenen ab 14 Jahren vor. Die MPI-Studie kommt zu weit höheren Ergebnissen: Danach weist jeder zehnte Patient, der an einem beliebigen Tag die Arztpraxis aufsucht, mindestens vier jener Symptome auf, die nach weltweit anerkannten Maßstäben eine Depression kennzeichnen. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt die Bremer Jugendstudie. Danach haben rund 18% der Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren schon einmal eine Depression durchlitten...
Suizidgefahr erheblich unterschätzt
Neben der unzureichenden Diagnose der Depression und einer Verharmlosung der Symptome werde die Suizidgefahr nicht immer erkannt. So hat nach der MPI-Studie fast jeder siebte depressive Mann und jede fünfte depressive Frau in den Tagen vor der Untersuchung beständig an Suizid gedacht. Schätzungen zufolge bringen sich etwa 10 bis 15% der Depressiven um.
Wie die Erwachsenen, so haben auch die Jugendlichen der Bremer Studie zu Folge "öfter an Selbstmord gedacht". Rund die Hälfte der depressiven Jugendlichen leidet darüber hinaus an Angststörungen und an Missbrauch von Drogen.
Vor der Behandlung steht die Diagnose
Die Studie des MPI hat sich insbesondere mit dem Diagnoseverhalten der Ärzte beschäftigt. Eine der Fragestellungen lautete, inwieweit der Hausarzt eine Depression erkennt. Die Studie ergab, dass 75% der eindeutig schweren Depressionen vom Hausarzt erkannt werden. Noch vor zehn Jahren lag die Trefferquote bei 50%.
Inzwischen hat sich einiges verbessert. Jedoch gibt es noch immer einen erheblichen Aufklärungsbedarf für die leichteren Formen der Schwermut. Denn 41% der leichter depressiven Patienten wurden vom Hausarzt nicht als eindeutig depressiv erkannt. Dies ist insofern ein schlechtes Ergebnis, als die Patienten mit einem beantworteten Fragebogen den Arzt aufsuchten und damit beide Parteien - sowohl der Patient als auch der Arzt - für dieses Thema sensibilisiert waren.
Wohin mit einem depressiven Patienten
Ein Drittel der als schwer depressiv erkannten Patienten wurde an einen Spezialisten überwiesen. Zwei Drittel der Patienten wurden ausführlich beraten und jedem dritten von ihnen wurde ein Antidepressivum verordnet. Anders ging es dabei den depressiven Jugendlichen, denn von den 18% Jugendlicher, die schon einmal eine Depression durchlitten hatten, wurden nur 3% behandelt. Cecilia Essau bedauert, dass noch immer ein großer Teil depressiver Kinder und Jugendlicher zu wenig Hilfe bekommt. Lehrer und Ärzte könnten darin geschult werden, Anzeichen von Störungen zu erkennen...
