Der Spiegel 30/1998
Raketengleich war der Aufstieg einer neün Generation von Psychopillen verlaufen. Eine von ihnen, das Antidepressivum Prozac (deutscher Markenname: Fluctin), wurde weltweit ein Bestseller. Nun aber kommen Zweifel auf, ob die neün Medikamente, die angeblich im Hirn der Patienten gezielt chemische Gleichgewichtsstörungen austarieren, besser wirken als harmlose Pülverchen. Zu dieser Einschätzung gelangen die US-Mediziner Irving Kirsch und Guy Sapirstein nach der Analyse von 19 Studien mit insgesamt 2318 Patienten über die Wirkung ausgewählter Psychopharmaka, Prozac eingeschlossen. Die beiden Forscher halten die Angaben der Hersteller für überzogen, wonach Antidepressiva um 40 Prozent wirksamer als Scheinpräparate (Placebos) sind. Allenfalls bei 25 Prozent der Patienten schlügen die Mittel an, und selbst das sei zweifelhaft. Nicht ausschliessen wollen die Forscher nämlich, dass die Erfolge in dieser Probandengruppe nicht auf die jeweiligen Wirkstoffe zurückgingen, sondern auf einen zusätzlichen Placebo-Effekt. "Bei Teilnehmern der klinischen Tests, die zunächst nicht wussten, ob ihnen ein Placebo oder ein Medikament verabreicht wurde", schreibt der "New Scientist", "zeigten sich die für die Medikamente typischen Nebenwirkungen." Die Folge: Die Probanden glaubten, eine wirksame Pille bekommen zu haben, ihr Optimismus stieg, prompt verbesserte sich ihre Gemütslage. Eine solche Reaktion ist laut Kirsch und Sapierstein der aus der Psychologie gekannte "klassische Fall einer sich selbst bewahrheitenden Prophezeiung".